Wenn die Welt sich weiter dreht

Kennt Ihr das? Tage, an denen Dinge passieren, die einem Angst machen, und die dann trotzdem vorüber gehen? Manchmal sind diese Dinge schon vorhersehbar – man weiß also, dass sie eintreten werden. Dann hat man schon im Vorfeld Bammel und hofft einfach nur, dass man sie schnell hinter sich bringt. Und dann gibt es Ereignisse, die völlig aus dem Nichts heraus geschehen und Dein Leben möglicherweise schlagartig verändern können.

Gleich kommt der Nikolaus

So eine Sache ist hier vorgestern Abend passiert. Wir hatten einen turbulenten Tag mit Kindergeburtstag auswärts und Nikolaus-Action am Abend bei uns zuhause mit den Nachbarn vor uns. Ich erledigte tagsüber die Besorgungen, bereitete alles vor, holte die kleine Gr0ße ab und düste mit beiden Rackern zur Party. Nach nem schnellen Kaffee und Kuchen wieder ab nach Hause, Glühwein und Punsch auf den Herd, Wiener in den Topf, Brezen auf den Tisch und Lebkuchen bereit stellen. Die Aufregung war groß, schließlich wollte das Töchterchen dem Nikolaus ihre heiß geliebten Schlafschnuller mitgeben und endlich ohne auskommen. Wir waren alle so hibbelig und erwarteten voller Spannung den Mann im roten Umhang und mit weißem Bart um halb sieben. Kurz vor sechs trudelten dann die Nachbarn mit den Kids ein, der Mann kam nach Hause und es herrschte ein geselliger, lauter Trubel mit Weihnachtsduft in der Luft.

Die Zeit steht still

Und dann passierte es: Eine Sekunde, die den Abend schlagartig veränderte und mich mit einer solchen Wucht traf, dass ich es kaum realisierte. Ich war mit dem Babysohn kurz in die Küche, um ihm eine Wiener klein zu schneiden, setzte ihn direkt vor mich auf die Küchenablage und muss wohl eine Sekunde lang abgelenkt gewesen sein, denn auf einmal machte es einen lauten Knall und er schlug mit dem Hinterkopf direkt neben mir auf dem Küchenfliesboden auf. Er schrie unmittelbar wie am Spieß und ich riss ihn wieder zu mir auf den Arm. Parallel klingelte es an der Tür und der gebuchte Nikolaus trat in die Wohnung.

Die darauf folgende halbe Stunde verbrachte ich wie in Trance. Eine Nachbarin ist zum Glück Ärztin, bewahrte Ruhe, begutachtete den Babysohn, kühlte sein Köpfchen (an dem tatsächlich nichts zu sehen war) und beruhigte mich, die völlig fassungslos und verwirrt durch die Wohnung geisterte, während der hohe Besuch Texte verlas und Mandarinen verteilte. Nachdem das Baby sofort gebrüllt hatte wie am Spieß und ihm augenscheinlich betrachtet nichts fehlte, schafften wir es tatsächlich, die Nerven nicht zu verlieren und die Nikolausaction durchzuziehen. Gefühlt geschah alles gleichzeitig: Baby schuckeln, dem Töchterchen bei der Schnullerabgabe beistehen, ärztlichen Rat befolgen, Zahnbürste und Windeln einpacken. Kaum war der Bärtige also wieder zur Tür raus, ließen wir den Rest vom Fest in unserer Bude zurück und düsten in die Klinik.

Krankenhaus statt Punsch und Glühwein

Nachdem der Kleine weder bewusstlos war noch gekotzt hatte und im Krankenhaus mit der großen Schwester schon wieder quietschvergnügt durch die Flure krabbelte, war relativ schnell klar, dass hier ein ganz toller Schutzengel am Werk gewesen sein musste. Für das Baby, für uns, vor allem aber für mich. Denn ich war es, die nach wie vor unter totalem Schock stand, mir Vorwürfe bis zum Umfallen machte und einfach nur hoffte und bangt, dass die ärztliche Untersuchung nichts Schlimmes ergab. So war es letztendlich auch, und wir durften nach rund zwei Stunden in der Klinik wieder nach Hause. Der Abend endete noch im großen Drama, weil das Töchterchen natürlich den Schnuller zum Einschlafen vermisste und wir alle nach den vergangenen Stunden auch einfach fix und fertig waren. Einzige Lösung: Alle ins Bett. Und während der Mann sich zur Großen kuschelte, lag ich wach, und überwachte den Schlaf des Babysohns, der sich wie immer alle paar Stunden zum Stillen meldete und ansonsten friedlich vor sich hin schlummerte.

Und dann stellt man am nächsten Tag fest, dass die Welt sich weiter gedreht hat. Dass die Bäume im Garten immer noch die gleichen sind und der Blick aus dem Fenster wie gewohnt auf den Spielplatz fällt, wo gerade die letzten Schneereste den Kampf gegen die Sonnenstrahlen antreten. Man merkt, dass einem der Schock noch fest in den Knochen sitzt, und das Leben um einen herum trotzdem weiter passiert, als wäre nichts gewesen. Zum Glück ist das so, denn nur so holt einen auch schnell wieder der Alltag ein, die Normalität kehrt zurück, die Angst nimmt ab.

Glück im Unglück

Wir hatten alle ein riesengroßes Glück. Dem kleinen Mann fehlt gar nichts, keine Beule, nicht einmal ein Kratzer, und nachdem ich den Sturz gedanklich rekapitulieren hab lassen, komme ich zu dem Schluss, dass er vermutlich erst einmal auf seinen Windelpopo gefallen sein muss, der alles abgefedert hat und er damit von bösen Verletzungen verschont geblieben ist. Ein riesengroßes Glück.

Und die Moral von der Geschicht‘

Was ich daraus lerne? Zurück schrauben, weniger machen. Ist grad schwierig, weil wir hier so viele gedankliche Baustellen haben, die es zu bewältigen gilt. Aber trotzdem: Schon vor dem Jahreswechsel gilt ab sofort: Runterfahren, tief Luft holen und Gedanken einfach sein lassen, die man sich vor lauter privatem Chaos macht. Zumindest versuche ich das. Ich bin so froh um meine süßen Drei, bin so wahnsinnig erleichtert, dass nichts Schlimmes passiert ist. Es war so gut, dass wir alle zusammen in der Klinik waren, denn gemeinsam sind wir stark. Die Vorwürfe, dass es überhaupt soweit kam, werden noch ein kleines Weilchen bleiben. Und auch, wenn es heute schon wieder besser als gestern ist, sitzt mir der Schreck noch tief und ich grübel, was alles hätte passieren können. Dann kucke ich wieder nach draußen aus dem Fenster und sehe unsere Postbotin, die mir freundlich durch die Scheibe zuwinkt. Erkenne, dass alles wie immer ist, dass alles weiter geht und alles wieder besser wird, je mehr Zeit verstreicht.

Die zweite Nacht ohne Schnuller verlief bei der tapferen, kleinen Großen übrigens schon ohne einen Mucks. Auch hier ist es die Welt in ihrem kleinen Leben, die sich weiter dreht. Zum Glück.

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