Zusammen ist man weniger allein – vom Glück, zu zweit zu sein

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Anfängliche Skepsis weicht irgendwann der Neugier, und sobald man den anderen kennen gelernt hat, fängt man an, ihn ins Herz zu schließen. Ungefähr so gestaltet sich der Anfang des Kinderbuchs von „Großer Wolf & kleiner Wolf“, das wir vor ein paar Tagen in einer kleinen Dachauer Buchhandlung zufällig entdeckt haben. Seitdem wird diese zauberhafte Geschichte mehrfach täglich gelesen. Wir, allen voran ich, sind schwer verliebt. Denn der Zauber dieser Freundschaft, die zwischen den Wölfen entsteht, lässt sich genauso gut auch auf die Geschwisterbeziehung anwenden, die ja erstmal wachsen muss. Und gerade jetzt, in Zeiten wie diesen, bin ich so dankbar, dass meine Kinder sich haben und nicht alleine sind. Ein kleiner Beitrag, passend zum Buch, über das Glück, zu zweit zu sein.

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Inzwischen blicken wir auf elf Wochen Kita-Schließung zurück. Nach derzeitigem Stand, demzufolge ab Mitte Juni weitere Kinder – unter anderem auch meine – wieder in den Kindergarten und Co. dürfen, neigt sich die Zeit zuhause irgendwie so langsam dem Ende zu. Abstand ist weiterhin geboten, klar, und auch die Masken werden uns wohl noch eine Weile begleiten, aber gefühlt zieht so langsam immer mehr Normalität in unseren Alltag ein. Ein Grund zur Freude? Für mich selbst auf jeden Fall. Ich mag es, unter Menschen zu sein. Mir fehlen die persönlichen Gespräche, der Austausch mit Freunden und Familie, die Umarmungen. Doch wie sieht es eigentlich mit meinen Kindern aus? Was fehlt ihnen, und freuen sie sich auch?

Die Kinder möchten gerne zuhause bleiben – zu zweit

„Mama, kann ich bitte zuhause bleiben?“ höre ich zur Zeit ständig, seitdem ich kommuniziert habe, dass es nach den Pfingstferien wieder los geht. Der Sohnemann könnte schon seit zwei Wochen zurück zu seiner Tagesmutter. Er will aber nicht, sondern möchte lieber weiterhin bei seinem Schwesterherz daheim bleiben. Der ergeht es ähnlich: Sie möchte ihren Spielpartner behalten und kann die Entscheidung, dass ihr Brüderchen ihr bis zur Wiedereröffnung des Kindergartens weiterhin zuhause Gesellschaft leisten wird, nur befürworten. „Nein, ich will nicht!“, ist die Reaktion, die mir entgegen schallt, wenn ich vom Neustart spreche. Meine beiden sind gerne daheim und können derzeit noch absolut nicht nachvollziehen, warum man an dem Ist-Zustand etwas ändern sollte.

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Dabei gibt es sie bestimmt: Kinder, die den Kindergarten herbei sehnen und denen die Freunde fehlen. Kinder, die apathisch zuhause am Fenster sitzen und sich zurück in ihr gewohntes, außerhäusliches Umfeld wünschen. Ich habe das von einigen Eltern gehört, dass sie ihren Kindern anmerken, dass es ihnen nicht gut geht, sie sich isoliert und alleine fühlen. Für all diese freue ich mich von Herzen, dass die Normalität immer mehr zurück kehrt. Und gerne würde ich mich auch für meine beiden freuen, weil sogar ich selbst mich schon tierisch aufs Wiedersehen mit der Tagesmutter des Kleinen oder den Erzieherinnen der Großen freue. Menschen, die ich ins Herz geschlossen habe, und die mir fehlen. Die ich wieder täglich beim Abholen der Zwerge treffen und unbedingt auch wieder in den Arm nehmen möchte – sobald es eben wieder geht.

Sich gegenseitig ins Herz schließen

„Zum allerersten Mal in seinem Leben dachte er, dass etwas Kleines, ja sogar ganz Kleines, im Herzen einen großen Platz haben kann“, stellt der Große Wolf im Buch fest, als der kleine Wolf auf einmal nicht mehr da ist. Er ist schrecklich traurig, kann nicht mehr essen und nicht mehr schlafen. Sich gegenseitig mehr und mehr ins Herz schließen, das haben meine beiden Racker in den letzen Wochen auch gemacht. Sie haben sich ohne Frage schon immer super lieb gehabt und gut verstanden; die zurück liegenden knapp drei Monate haben sie aber nochmal dicker zusammen geschweißt. Soll nicht heißen, dass ich Corona damit jetzt dankbar bin oder ich der ganzen Pandemie auf einmal positiv gesinnt bin. Sowohl beruflich als auch privat war und ist es eine enorme Grenzerfahrung und es tut mir in der Seele um jedes kleine Café, die ganze Kulturbranche und viele andere weh, die es nicht werden stemmen können. Aber unabhängig von alldem: wenn ich mir nur die Beziehung meiner Zwei zueinander anschaue, so stelle ich fest: Sie lieben diese wertvolle gemeinsame Zeit zuhause, genießen sie in vollen Zügen und ihnen fehlt absolut nichts.

Mehrfach am Tag verfallen die Zwei in die schönsten Rollenspiele: sie werden Eltern und bringen Kinder auf die Welt, jagen als Marshall und Chase durch die Bude, hüpfen vom Hochbett und springen von Leitern, bauen Burgen aus Sofakissen und kochen 5-Gänge-Menüs auf dem Balkon. Seit elf Wochen verbringen sie soviel Zeit miteinander wie vermutlich noch nie. Sie hocken Tag und Nacht aufeinander, laufen Hand in Hand durch die Straßen und ermutigen sich gegenseitig zu den irrwitzigsten Aktionen. Der Kleine macht der Großen alles nach: Sitzt sie am Puppenhaus, ist er binnen Sekunden neben ihr. Startet sie ne Kissenschlacht im Familienbett, ist er sofort mit von der Partie. Wieder so, wie im Buch, wenn der Große Wolf mit mutigen Schritten voran auf den Baum klettert und Gymnastikübungen macht – und ihm der kleine Wolf anhimmelnd folgt.

Eingewöhnung 2.0 nach Corona

Natürlich ist nicht alles Friede Freude Eierkuchen – auch hier wird gestritten, gebrüllt und wieder vertragen. Aber es wird sich auch gekümmert und aufeinander geschaut – von der Aufteilung der Gummibärchen-Rationen bis hin zu Stürzen inkl. Geschwister-Trosteinheiten vor dem Haus. Gerechtigkeit und Fürsorge stehen meist ganz weit oben. Ich bin mir sicher, dass es erstmal eine Umstellung für sie werden wird, sich wieder viel weniger um sich zu haben. Bestimmt wird das Vermissen groß, dafür aber auch die Wiedersehensfreude am frühen Nachmittag. Und wer weiß, vielleicht ist nach ein paar Tagen auch wieder alles beim Alten, und auf der Einladungsliste zum Geburtstag werden außer Bruder und Schwester jeweils noch ein paar Namen ergänzt.

Gerade kommt es mir nur eher noch so vor, als müssten wir die verbleibenden 6 Wochen bis zu den Sommerferien irgendwie überbrücken, bis sie sich dann im August endlich voll und ganz wiederhaben dürfen. Zum Glück bleiben einem Geschwister ja sowieso ein Leben lang. Und selbst, wenn man sich dann irgendwann viel weniger sieht und hört – das unsichtbare Band, das sie verbindet, ist immer da. Und bei unseren beiden ist es jetzt so stark wie nie zuvor.

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