Geschwisterliebe – große Schwester, kleiner Bruder

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Kaum zu fassen, dass es nun über zwei Jahre gedauert hat, bis ich dieses Thema, das mir schon solange auf der Seele brennt, endlich mal in Angriff nehme. Eine ganz besondere Beziehung, über die ich schon die ganze Zeit schreiben möchte und mir immer wieder Satzphrasen dazu durch den Kopf geistern. Eine tiefe Liebe, die einfach so bedeutend ist, dass es eben ein Weilchen dauert, um sie in Worte zu fassen. Geschwisterliebe.

Große Schwester sein

Ich bin seit 33,5 Jahren große Schwester. Mit einem Altersabstand von 2 Jahren und 4 Monaten kam 1986 mein Bruder auf die Welt. „Am Anfang war er mir völlig schnuppe, ich behandelte ihn wie eine Puppe“ sind Zeilen eines Gedichts, das ich 1996 schrieb. Keine Sorge, das ist nur der Einstieg in meine lyrischen Gehversuche im zarten Alter von 12 Jahren – gegen Ende des Stücks „Mein Bruder“ drehen sich die Reime alle um meine tiefe Zuneigung zu ihm.

Meine Tochter ist seit 2,5 Jahren große Schwester. Und ungefähr so alt war sie auch, als ihr Brüderchen das Licht der Welt erblickte. Die ersten Wochen war sie voller Neugier, Hingabe und Entzückung, bis sie nach rund vier Monaten in eine unglaubliche Eifersuchtsphase fiel, die ebenso ein paar Wochen andauerte. Und in etwa zur Hälfte seines ersten Babyjahres, als ihr sechs Monate alter Bruder neben ihr Bratwurst-mampfend an der Isar saß, drehte sich der Spieß wieder um und man kann seitdem förmlich dabei zusehen, wie das Band immer stärker wird. Für den Junior ist seine große Schwester seine absolute Heldin, sein Star, seine allerbeste Freundin, seine zweite Mama.

Die Geschichte wiederholt sich

„Du hast ihn einfach übernommen“, erzählt meine Mama heute noch öfter, wenn sie über mich und meinen Bruder nachdenkt. Kaum war er auf der Welt, hab ich ihn unter meine Fittiche genommen, ihn gewickelt und ihm die Haare gestutzt, mit ihm gerauft und getollt. Erst vor einiger Zeit habe ich eine Runde alter VHS-Kassetten für einen stolzen Preis digitalisieren lassen, und jede noch so kleine Anekdote, die diese Bänder erzählen, ist jeden Cent wert. Zwar gibt es viele Bilder, in denen ich dieses kleine Mädchen sehe, das den noch viel kleineren Jungen durch die Gegend kommandiert und ihm Aufträge erteilt, und ich mir denke: Meine Güte, wie hab ich den denn behandelt? Und gleichzeitig erkenne ich jetzt so vieles davon wieder, wenn mein Töchterchen ihrem Bruderherz Anweisungen gibt, und er sie schmachtend und anhimmelnd befolgt. Meistens zumindest; je älter er wird, umso mehr habe ich das Gefühl, er setzt sich zur Wehr und steht für sich ein. Wieder neue Wandlungen, mit denen meine kleine Große auch erstmal zurecht kommen muss.

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Soweit ich mich erinnern kann, gab es zwischen mir und meinem Bruder nie einen wirklich großen Streit. Aus Erzählungen von meinen Eltern kennen wir natürlich die Geschichten zu diversen Beulen, Schrammen, Fahrradcrashs und Kuscheltier-Verletzungen, die Geschwister-Gezanke halt so mit sich bringen. Ich meine aber echte Streits, bei denen man sich länger böse oder beleidigt ist, das hatten wir nie. Bestimmt auch deshalb, weil es bei meinen Eltern untereinander viele Konflikte gab, und unser Bündnis einfach seit jeher stark sein musste. Gemeinsam, Hand in Hand, wir zwei.

Geschwisterliebe – déjà-vu!

Wir zwei. Meine Zwei. Große Schwester, kleiner Bruder, nahezu identischer Altersabstand. Ich glaube, für meine Eltern ist es ein ständiges Revue-Passieren lassen unsere eigenen Kindheit, wenn sie ihre Enkel besuchen. Und ich kann mir nun so vieles so gut vorstellen, von dem immer die Rede war. Jahrelang nebeneinander einschlafen und aufwachen, gemeinsam Fußball spielen, verschwörerische Blicke bei Familienfeiern, Herausforderungen in der Schule meistern, der erste Rausch, ein Geschwistertattoo. Eine Liebe, die nie zu Ende geht. Ein Band, das so stark ist, dass es niemals reißt. Freunde kommen und gehen, Lebensabschnittsgefährten; Geschwister bleiben, für immer. Es sind die Menschen, die uns in unserem Leben vermutlich am längsten begleiten, und die uns auch nie verloren gehen, wenn es wirklich mal Ärger gibt. Wir waren auch schon mal sauer, verärgert, haben Themen diskutiert, waren anderer Meinung. Es gibt viele Dinge, zu denen wir völlig unterschiedliche Ansichten haben. Aber es gibt eben auch so vieles, das wir unausgesprochen teilen. Und dieser riesige Gedankenkoffer, mit all den großen und kleinen Inhalten aus meinen 33,5 Jahren große Schwester sein – den kennt mein Bruder vermutlich mit am allerbesten.

Wenn ich sehe, wie mein Töchterchen ihren kleinen Bruder liebt, zerreißt es mir oft das Herz. Es ist so verzückend und berührend mit anzusehen, wie sie sich kümmert, auf ihn aufpasst und beschützt. Wenn sich die beiden in ihren Rollenspielen verlieren, möchte ich fast immer die Kamera heraus holen, um jedes Wort und jeden Blick festzuhalten. Meistens sitze ich einfach nur da, lausche und lasse mein Herz schmelzen.

Geschwister zu haben, ist in meinen Augen ein riesiges Geschenk. Selbst wenn es Tage gibt, an denen hier ordentlich die Fetzen fliegen und kaum eine Minute vergeht, ohne dass sie sich in den Haaren haben, sich gegenseitig nichts gönnen und anschreien – ihr ihn zu schenken, war die allerbeste und einzig richtige Idee, davon bin ich felsenfest überzeugt. Für immer einen besten Freund und Weggefährten zu haben, der bedingungslos hinter ihr steht – und andersherum genauso – ist unbezahlbar. Die kleine Schwester, die sie sich oft noch wünscht, werden wir ihr vermutlich nicht erfüllen; vielleicht hat sie ja Glück und bekommt irgendwann Cousins und / oder Cousinen dazu. Denn das fehlt einem irgendwie, wenn man es bei zwei Kindern belässt: eine richtige, kleine Gang. Ob eines, zwei, drei oder noch mehr – mit Geschwistern ist man nie mehr allein.

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