Elternsein, Pärchensein

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Dieses Elternsein ist ja oftmals gar nicht so leicht. Wo vorher nur Zwei waren, zieht mit einer Geburt ein neuer Mitbewohner oder eine Mitbewohnerin ein, die das bisherige Pärchensein erst einmal über den Haufen wirft. Ein kleiner Mensch, der seine Bedürfnisse hat – der eine mehr, die andere weniger. Anders wird es so oder so. Ohne Zweifel unbeschreiblich schön, aber eben auch herausfordernd, Schlaf-entziehend, Nerven aufreibend.

Pärchensein ist ohne Elternsein schon spannend

Dabei hatte dieses Pärchending ja schon vor den Kindern seine Tücken. Im Gegensatz zum Single-Dasein, bei dem einem die Welt offen steht, geht man in einer Beziehung oft Kompromisse ein, damit ein harmonisches Miteinander funktioniert. Ohne Frage überwiegen natürlich die Vorteile einer wunderbaren Liebesbeziehung, sonst würde sie vermutlich niemand eingehen. Davon schreibe ich aber heute nicht. Ich will sagen, es geht auch um Rücksicht nehmen, um Entscheidungen in Abstimmung fällen und um eine gemeinsame Lebensgestaltung, statt jeder nur für sich. Spätestens dann, wenn man die Studentenbuden auflöst und zusammen in die erste Wohnung zieht, erfährt der Pippi Langstrumpf-artige Freiheitszustand à la „ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“ eine erste Politur. Während man vorher vielleicht noch über den Fahrstil des jeweils anderen diskutierte oder seine Zeit mit Verabredungen und „wer-schläft-heute-bei-wem“-Gesprächen verbrachte, finden im neuen Zuhause ganz andere Themen ihren Weg an die Oberfläche. Klebrige Zahnpastaflecken im Waschbecken, gebrauchte Stinkesocken unterm Wohnzimmertisch, Fußnägelkürzungsprozeduren oder Klodeckelschließmechanismen – es gibt tausend Dinge, zu denen man unterschiedliche Meinungen hat, und die sich erst offenbaren, wenn man nicht nur das Bett, sondern auch den Haushalt teilt. Eine Geschirrspülmaschine hat bestimmt schon so manche Beziehung gerettet, denke ich. Im besten Fall ist man bei den meisten Punkten einer Meinung und streitet nicht darüber, ob am Tisch oder auf dem Sofa gegessen wird, wer öfter oder weniger oft den Müll raus bringt und wer abends eigentlich schon wieder viel zu spät oder auch mal gar nicht nach Hause kommt. Dem anderen Freiraum lassen können, ist auf jeden Fall essentiell.

Das Baby bringt neue Herausforderungen

Diese Freiheit, die man in einer Beziehung unter einem Dach genießt, wird auf eine völlig neue Probe gestellt, wenn sich zum romantischen Zweier-Gespann eine weitere Person gesellt: der lang ersehnte und endlich geborene Nachwuchs. Wie es Paaren geht, die ein super duper entspanntes Baby kriegen, kann ich nicht beurteilen, genauso wenig wie die sicherlich riesige Herausforderung, ein Schreibaby zu bekommen. Wir lagen da bei beiden Kindern vermutlich irgendwo in der Mitte – Tendenz zur anstrengenderen Version. Vermeintliche Diskussionen um Müll, dreckiges Geschirr oder sonstige Nebensächlichkeiten werden abgelöst durch: wer schläft mehr oder weniger, wer durfte heute schon duschen, essen, alleine aufs Klo. Wer macht wieviel, wer steht nachts auf, wer morgens um fünf, wer bringt die Kinder ins Bett und verzichtet auf den Feierabend. Während man zu Paarzeiten nicht mal in der Gegenwart des anderen gepupst hätte, heißt es ab dem ersten Lichtblick des Nachwuchses ganz andere Körperausscheidungen in Kauf nehmen. Und ich spreche nicht vom schwarz-klebrigen Stuhlgang des Neugeborenen, sondern von der ganzen Palette zwischen Kolostrum, Wochenfluss und Pipi, das sich beim kleinsten Nieser löst.

Elternsein bedeutet also auch, sich ein zweites Mal kennenzulernen. Im besten Fall verliebt man sich einfach nochmal neu in seinen Partner. Schließlich wird der Mann oder die Frau, für den/die man sich entschieden hatte, nun auch Vater oder Mutter der Sprößlinge – und das zu beobachten und mitzuerleben, fand ich ziemlich toll. Den anderen einfach mal machen zu lassen, das habe ich gelernt. Vertrauen zu haben, dass es anders, aber mindestens genauso gut funktioniert, wenn Mama mal nicht verfügbar ist. Und schwuppdiwupp ist der Mensch, an den man einst sein Herz verloren hat, nicht nur ein cooler Mann, sondern auch noch ein wunderbarer Papa für das absolut Wichtigste auf der Welt.

Pärchensein kommt zurück

Nach diversen voneinander-getrennt-Urlauben, haben wir am Wochenende nun zum ersten Mal das Zepter komplett aus der Hand gegeben und die beiden Zwerge für vier Tage der glücklichen Oma überlassen. Der erste gemeinsame Pärchenkurzurlaub nach rund viereinhalb Jahren – und siehe da: es hat wunderbar funktioniert. In null komma nix fanden wir uns dort wieder, wo vor beinahe einem Jahrzehnt alles begonnen hat – mit ganz viel Musik, Liebe und Bier. Und obwohl ein Festivalgeruch immer noch der gleiche ist und sich vieles wie damals anfühlt, ist doch alles anders. Wir sind älter geworden, und um so viel Wertvolles reicher, gleichzeitig auch schlafloser und müder. Wer es dann beim zurück gewonnenen Pärchensein schafft, nicht nur über die Kinder zu reden, sich an dreckigen Socken auf dem Zeltboden über die „wir sind tatsächlich hier“-Situation zu freuen und eng umschlungen zur Lieblingsmusik einfach nur mal schweigt, ist immer irgendwie auch noch Zwei.

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