Verlängerung – eine Corona-Zwischenbilanz

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Es geht weiter – und zwar weiter wie bisher, nicht wie davor. Eigentlich war längst absehbar, dass es so kommen würde, und dennoch trifft es mich hart, als feststeht: Die vermeintlich als „Coronaferien“ betitelten Kita- und Schulschließungen sind noch nicht vorbei. Ganz im Gegenteil: für viele, auch für uns, bleibt erstmal alles zu, und zwar auf unbestimmte Zeit.

Nach fünf Wochen #stayhome würde ich behaupten, wir haben uns irgendwie eingegroovt. Vielleicht trifft es „daran gewöhnt“ auch besser, denn meine Schnappatmungsattacken von vor einem Monat sind gewichen und haben einer Art Lethargie Platz gemacht, die mich fast erschrickt. Wenn man die Nachrichten der letzten Tage nämlich erst einmal verinnerlicht hat und jetzt klar ist, dass unser Zuhause erstmal Arbeitsplatz und Kita zugleich bleiben wird, würde ich am liebsten auf die Barrikaden gehen. Die Gründe für diese Entscheidung stelle ich überhaupt nicht in Frage. Warum wir alle das tun, was wir tun, ist inzwischen wohl bei jeder und jedem angekommen. Aber dass nicht mal im Ansatz diskutiert wird, wie es funktionieren soll und was es mit Kindern und ihren Eltern macht, die ihren Nachwuchs von jetzt auf gleich über Monate hinweg zuhause betreuen sollen, während sie parallel ihrem Job nachgehen, das finde ich krass. Als würde der Betreuungsausfall schon gestemmt werden können, als würden wir sonst Däumchen drehen und nichts tun, während die Kinder im Kindergarten oder in der Krippe sind. Morgen starten wir also in die 6. Woche – allerhöchste Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Kurzfassung und Long Version der Coronaferien

Abstand. Nähe. Die Maus. Malen. Rätsel. Zoom. Kaffee. Pakete. Joggen. Masken. Plexiglaswände. Mittagessen. Balkonien. Briefe. Wein. Alba Berlin und Tonnen von Badeschaum. All das umfasst die vergangenen Wochen ganz gut, ist aber noch längst nicht alles.

Normalerweise habe ich jeden Freitag Morgen auf dem Weg ins Büro oder spätestens am Wochenende einen meiner Lieblingspodcasts gehört: Paardiologie. Jetzt hänge ich mit sechs Folgen hinterher. Das Privatleben ist ausgeschalten, mein Mann und ich sehen uns kaum. Wir hängen zwar tagtäglich in den gleichen vier Wänden ab – nur ist zwischen sechs Uhr morgens und meist Mitternacht im ständigen Wechsel immer einer am arbeiten, während sich der jeweils andere um die Kinder kümmert. Zeit füreinander gibt es gefühlt kaum mehr, weil man entweder vor dem Laptop in Telefonkonferenzen sitzt, mit den Kindern puzzelt, bastelt, liest und spielt, oder vor Müdigkeit nur noch erschöpft ins Bett fällt. Entschleunigung und mehr Familienzeit? Das sehe und spüre ich irgendwie nicht. Diese Kombination würde für mich Urlaub bedeuten, die „Coronaferien“ sind alles andere als das.

Kinder oder Arbeit – Fokus ist wichtig

Wir könnten das auch anders handhaben und versuchen zu arbeiten, während die Kinder um uns herum sind. Um Zeit zu sparen und um regelmäßig Feierabend zu haben, beispielsweise. Mag sein, dass das in manchen Familien gut funktioniert – oder auch irgendwie funktionieren muss, weil beide in Vollzeit arbeiten oder alleinerziehend sind. Hut ab, ganz ehrlich!! Das stelle ich mir richtig irre vor. Natürlich spielen unsere auch mal eine Zeit lang miteinander oder für sich, aber eben keinen, wie in meinem Fall, 5-stündigen Regelarbeitstag. Solche Momente, in denen sie im Kinderzimmer verschwinden, sich in Rollenspiele vertiefen oder mit dem Puppenhaus beschäftigt sind, nutze ich zum Aufräumen, Kochen, Nachrichten lesen oder dafür, die unzähligen Whatsapp-Chats zu beantworten, in denen man jetzt mit Freunden von überall steckt. Die super schön sind, keine Frage, aber die eben auch eine Menge Zeit in Anspruch nehmen. Arbeiten in diesen Spielzeiten der Kinder würde vermutlich auch dazu führen, dass sie binnen kürzester Zeit wieder auf meinem Schoß oder über der Tastatur hängen würden, bevor der Rechner auch nur hochgefahren wäre. Für mich ist dieser Fokus also wichtig: Kinder ODER Arbeit. Ich bin dankbar, dass wir zu zweit sind und uns das wenigstens aufteilen können – in einer großen Wohnung, mit einem großen Balkon. Andere haben das bestimmt nicht so „leicht“. Ich hätte bei Kita und Job gleichzeitig einfach ständig das Gefühl, weder dem einen noch dem anderen wirklich gerecht werden zu können.

Während meine Me-Time fürs Podcast-hören auf dem Rad und Zeit für Zweisamkeit drastisch gesunken sind, hat sich mein Kaffee-Konsum exorbitant erhöht. Viel Kaffee getrunken habe ich schon immer; in diesen rauen Mengen aber nur zum Prüfungsmarathon im Studium. Deutlich gestiegen ist auch unser Wasserverbrauch und die Mengen an Badeschaum, die der Sohnemann für seine täglichen Aufenthalte in der Wanne beansprucht. Und auch meine Bildschirmzeit – bedingt durch den Job, aber auch durch all den virtuellen Kontakt mit Freunden und Familie – ist deutlich mehr geworden. Dieser Austausch ist wichtig, und die Kinder wollen und sollen ja auch mit all ihren Omas, Opas und Freund*innen skypen dürfen (und wir auch). Ich merke nur einfach, wie das Handy bei den Kindern verstärkt ins Bewusstsein rückt, und das nervt mich sehr. Wir sind da ganz bestimmt nicht das beste Vorbild, keine Frage. Dennoch stört es mich und daran werden wir arbeiten müssen – vor allem, wenn das jetzt noch ein ganzes Weilchen so weiter gehen wird. 

Corona – hat das Ganze auch was Gutes?

Es ist nicht alles schlecht. Positive Begleiterscheinungen von Corona sind sicherlich, dass wir als Familie zusammenwachsen – aktuell haben wir ja auch nur uns. Oft liegen die Nerven blank und die Stimmung ist angespannt, die Kinder kriegen sich ständig in die Haare und wir Eltern sind gereizt, die Zündschnur ist kurz. Genauso oft wird hier aber auch gekuschelt, gespielt, gekitzelt und gelacht. Der Abstand, der draußen die Welt regiert, trifft in unserem Zuhause auf Nähe und Geborgenheit, auf tausend Bussis und Knuddeleien über den Tag verteilt. Die Kinder flippen vor Freude aus, wenn ich nach einem Job-Slot im Gästezimmer wieder in Erscheinung trete und machen Luftsprünge, wenn ich vom Müll wegbringen zurück bin. Kuschelzeit auf dem Sofa und auf den Arm genommen werden, das liegt hier gerade hoch im Kurs. Gleichzeitig sind die beiden in den letzten Wochen gefühlt auch soviel größer und selbstständiger geworden. Dieser Eindruck begründet sich vielleicht auch darin, dass wir jetzt viel mehr von ihnen mitkriegen, was definitiv schön ist. Mir wird bewusst, was für ein gutes Team wir sind. Eines, das sich gegenseitig tierisch auf den Keks gehen kann – aber auch eines, in dem es alle so eng aufeinander trotzdem irgendwie miteinander aushalten. Und zwar rund um die Uhr, Tag und Nacht, sogar in zwischenzeitiger Quarantäne, über eine lange Zeit.

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Das „warum“ ist klar – das „wie“ noch lange nicht

Meine Sehnsucht nach Normalität ist groß. Zeit für mich alleine haben, zurück ins Büro dürfen, der Austausch mit Kolleg*innen, Freunde treffen, einander in den Arm nehmen können – das vermisse ich sehr. Mir fehlt es, die Kinder schaukeln zu sehen, oder mit den Nachbarskindern tollend vor dem Haus, während wir Mamas Kaffee trinken, nebeneinander. Den Festivalbesuch von letztem Sommer, den hätte ich nur zu gerne wiederholt. Die Realität, die wir vor Corona gelebt haben, wird es so wohl erstmal nicht mehr geben, sie wird eine andere sein. Wie sie sein wird, das haben wir mit in der Hand. Was es definitiv geben muss, sind nicht nur Studien und Erkenntnisse zu reduziertem CO2-Ausstoß – der ganz klar das Allerbeste an Corona ist – sondern auch Lösungsvorschläge, wie der Spagat von berufstätigen Eltern mit (Klein-)Kindern zuhause über Monate hinweg funktionieren soll. Wenigstens sollte bei Eltern der Eindruck entstehen können, dass zumindest über Unterstützungsmöglichkeiten nachgedacht wird – und diese herausfordernde Doppelrolle nicht einfach ausgeblendet und als „die werden das schon irgendwie hinkriegen“ in die Schublade gesteckt wird. Auch für die Kinder ist es kein Leichtes, über einen so langen Zeitraum hinweg weder ihre Freund*innen treffen noch die Oma besuchen zu dürfen. Ganz zu schweigen von all denjenigen, für die Zuhause nicht gleich Geborgenheit bedeutet. Fortsetzung folgt.

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