Carpe diem – ein paar Zeilen über Zeit

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Morgens um halb zehn in Deutschland, nur noch fünf Minuten, kein Bier vor vier, … vieles in unserer Alltagssprache hängt mit zeitlichen Faktoren zusammen. Ja, eigentlich dreht sich fast andauernd alles um Zeit. Gefühlt haben wir fast immer zu wenig davon, aber stimmt das überhaupt? Höchste Zeit, sich einmal damit zu beschäftigen.

Ein inspirierendes Heftchen über Zeit

Den Anstoß, ein paar Zeilen über Zeit zu schreiben, gab mir jüngst die aktuelle Ausgabe des Münchner Stadtmagazins curt, die ich mir als Lektüre für zuhause im Büro in die Tasche packte. An diesem Tag war ich ausnahmsweise mal nicht wie sonst mit dem Rad unterwegs, sondern wartete am S-Bahn-Hof Laim auf meinen Anschluss. Ich war gut in der Zeit und würde pünktlich ankommen, um erst den Sohn und anschließend das Töchterchen abzuholen. Als die Lautsprecherdurchsage dann jedoch verkündete, dass mein Zug ausfällt, fing mein innerer Vulkan zu brodeln an: verdammt! Jetzt komme ich zu spät! Wieso war ich nochmal öffentlich unterwegs? Ich informierte die Tagesmutter und den Kindergarten über die Verzögerungen, ärgerte mich vor mich hin und ertastete dann das fast vergessene Heftchen in meiner Tasche: curt, mit dem Titel „Zeit“.

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Ich überbrückte also das Warten mit Lesen. Und schon wenige Minuten später war der Ärger verflogen, denn ich las eine Geschichte über einen Häftling, für den das Thema Zeit eine völlig andere Dimension hatte. Für den die Monotonie Einzug gehalten hatte in seinem Gefängnisalltag, und für den es ohne großen Belang war, welche Jahreszeit herrschte oder welcher Wochentag war. Keine Wartezeiten im Stau durch verschneite und eisglatte Straßen, kein Herbeisehnen des Feierabends, um endlich in die Sonne an die Isar zu dürfen.

Mein Blick schweifte ab vom Artikel, ich nahm die vielen Menschen um mich herum wahr, die auf dem Bahnsteig durch die Zugverspätungen immer mehr wurden. Viele starrten nervös auf die Anzeige, wippten hektisch mit den Beinen, fröstelten minutenlang in ihren farblosen Parkas. Jugendliche mit dem Handy, die sich gegenseitig YouTube-Videos zeigten, und so vermutlich den Rest des Nachmittags verbringen würden, Geschäftsleute in Anzügen mit Sushi im Aktenkoffer auf dem Weg zum nächsten Meeting und Omis, die sich am Rollator haltend in Richtung Aufzug schoben. Was dachten sie wohl über Zeit? Wieviel ihnen noch bleibt?

Immer zu wenig Zeit – oder?

Mich begleitet oft das Gefühl, zu wenig Zeit für alles zu haben. Zu wenig Zeit für mich, um Sprachkurse, Sport oder ein neues Hobby zu starten. Zu wenig Paarzeit mit dem Mann, um mal wieder ins Kino oder zum Griechen zu gehen. Oder auch einfach nur auf dem Sofa abzuhängen, was durch müde Gemüter, Wäscheberge oder die Steuererklärung oft auch nicht klappt. Zu wenig Zeit für jedes Kind alleine, um Mama auch mal nur für sich zu haben. Zu wenig Zeit für Mädelsabende, Familienbesuche oder ausgiebige Redaktionssitzungen für den Lieblingspodcast. Und letzten Endes auch zu wenig Zeit im Job, weil ich gefühlt täglich noch viel mehr arbeiten könnte, um mit allem fertig zu werden. Stattdessen ist es oft hektisch und knapp, bedingt durch festgelegte Kita-Abholzeiten und damit verbundenem, zeitlichen Druck.

Fertig werden, womit eigentlich? Das Gefühl, dass man viel mehr Zeit hat, wenn dieses oder jenes geschafft ist, oder wenn die Kinder mal größer oder aus dem Haus sind, ist vermutlich nur eine vermeintliche Farce, das wird mir immer klarer. Es geht darum, die Alltagsdinge als solches bewusst wahrzunehmen, jeden Moment zu genießen und das tägliche verrückte, wilde Familienleben zu spüren. Es zu erleben mit Körper und Geist, und ohne den ständigen Drang, Dinge hinter sich bringen zu wollen. Sei es die volle Waschmaschine, das stinkende Katzenklo, die dritte Kacka-Windel in Folge, das Ausfüllen des Elterngeldantrags oder das stundenlange Wippen auf dem Pezziball, weil das Baby ansonsten ständig brüllt: es sind all diese Minuten und Sekunden, die es mit voller Hingabe und Leidenschaft zu fühlen gilt. Das Leben ist viel zu kurz für später, es geht immer um das Hier und Jetzt.

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Stehen wir an der Kasse im Supermarkt an oder sitzen mit einer Wartemarke aufs nächste „Pling!“ bewaffnet beim KVR, vergeht die Zeit viel zu langsam. Befinden wir uns im Familienurlaub am Strand oder bei ner Mama-Auszeit im Wellness-Hotel, verfliegen die Stunden schneller dahin, als uns lieb ist. Und fällt der Babysohn von der Küchenarbeitsplatte auf den Fliesenboden, bleibt die Zeit auch mal stehen. Während ich mir zu Hochzeiten an Anstrengung während des ersten Babyjahres oft gewünscht habe, die Zeit würde schneller vergehen, das Baby mehr können und damit zufriedener sein, so frage ich mich jetzt beim Anblick der 4,5jährigen oft, wann sie eigentlich so groß geworden ist. Sind die Kinder heute nach einem langen Tag endlich im Bett und sinke ich um 20 Uhr erschöpft aufs Sofa, stehe ich gefühlt Sekunden später um 23 Uhr wieder schlaftrunken auf und bin völlig irritiert, wo eigentlich schon wieder der Feierabend geblieben ist. Was ist nur los mit der Zeit, haben wir immer zuviel oder zu wenig?

Jeder neue Tag bringt neue Zeit

Wahr ist: Keines stimmt, sondern wir haben einfach Zeit. Jahre, Monate, Wochen, Tage, Stunden, Minuten, Sekunden. Wir haben nicht „keine Zeit“, sondern wir haben jeden Tag wieder 24 neue Stunden Zeit – zumindest, wenn wir gesund sind, also im allerbesten Fall. Zeit, die es gilt, mit Dingen zu befüllen, die wir gerne machen, und mit Menschen zu verbringen, die wir lieb haben. Und all die anderen Dinge auch so zu nehmen, wie sie eben sind. Meine Mama hat mir schon als Kind gesagt, und tut es auch heute noch: Wir befinden uns auf einer unendlichen Reise durch die Gegenwart und es steht immer ausreichend Zeit zur Verfügung. Heißt soviel wie: Lebe im Heute, liebe im Jetzt, lass die Vergangenheit hinter Dir und blick nach vorne.

Also saß ich im Urlaub am Meer mit dem fiebernden Söhnchen auf dem Schoß am Spielplatz und beobachtete das Töchterchen, das sich von ihrem Papa in der Schaukel anschubsen ließ und dabei die Sonne genoss. Im Hintergrund wogen sich die Palmen im stürmischen Wind. Die Wellen brachen in der Bucht, während die einen Kinder Sandburgen errichteten und die anderen in den Pool sprangen. Ich dachte mir: ‚Wenn wir alle wieder fit sind, stürzen wir uns mit ins Vergnügen, bis dahin nehmen wir die Situation so, wie sie ist. Wir sind zu viert und zusammen, das ist das Wichtigste.‘ Wertvolle Zeit, die uns jeden Tag aufs Neue geschenkt wird, und für die ich unendlich dankbar bin.

 

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