Aus dem Gröbsten raus – der Babysohn wird drei

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Der Babysohn von einst ist mal eben so drei Jahre alt geworden. Heißt, ich bin seit drei Jahren Zweifachmama, bzw. gefühlt irgendwie auch Einfachmama seit acht Jahren. Denn die Prophezeiung von einigen Menschen in meinem Umfeld während meiner zweiten Schwangerschaft, dass das Zweite ja sowieso mitlaufen würde, hat sich nicht bewahrheitet. Wie auch, bei wem tut es das? Seit drei Jahren gibt es hier zwei kleine Menschen, die Bedürfnisse haben – oft auch die unterschiedlichsten zur gleichen Zeit – und die damit meine Aufmerksamkeit rund um die Uhr in Anspruch nehmen. Somit fühlt es sich für mich eben irgendwie auch nach doppelt an, also beim Töchterchen nach fünf und beim Söhnchen nach drei Jahren Mamasein, macht zusammen acht. Und jetzt habe ich also scheinbar Glück, denn eine weitere, in der Gesellschaft verbreitete Annahme lautet schließlich: Drei. Jetzt sind sie ja aus dem Gröbsten raus. Aber sind sie das wirklich?

Was heißt das überhaupt schon, aus dem Gröbsten raus zu sein? Und wie kommt es, dass solche Umstandsbeschreibungen an Zahlen bzw. Zeitangaben festgemacht werden? Genauso wenig, wie sich bei mir nach der 12. SSW ad hoc das Dauerschlechtsein in absolutes Wohlbefinden aufgelöst hat, verschwinden von jetzt auf gleich die akutesten Bedürfnisse meiner Kinder. Nennt man es jetzt Wackelzahnpubertät (ein Wort, das ich so unfassbar bescheuert finde) oder anders – herausfordernde Zeiten wird es wohl immer geben. Vermutlich werde ich mich auch noch total gefordert fühlen, wenn mein Kind mir irgendwann verkündet, dass es Nachwuchs bekommt. Oder zu Fuß rund um die Welt wandern will. Was genau ist also mit dem Gröbsten gemeint?

Zeit, einen Status Quo zu machen. Sicherlich, der Schlafmangel ist deutlich weniger geworden, machen wir uns nichts vor. Zumindest kann ich unterschreiben, dass der Sohnemann jetzt mit drei wesentlich besser schläft als zu durchgestillten Nächten im ersten Lebensjahr. Von ununterbrochenem, dauerhaftem Durchschlafen ist aber auch heute noch nicht die Rede – seien es Alpträume, Wachstumsschmerzen oder intensives Kuschelverlangen, das ihn nach wie vor nachts wach werden lässt. Er kann laufen, essen, sprechen und in den meisten Momenten auch beschreiben, was er braucht. Allerdings entdeckt er gleichzeitig auch mehr und mehr seine Persönlichkeit, möchte alleine entscheiden, Dinge selbstständig machen, ein Großer sein. Ob Trotz-, Autonomie oder wasauchimmer-Phase, er steckt mitten drin und ist meiner Meinung nach damit alles andere als aus dem Gröbsten raus. Es gibt Tage, die herausfordernder sind als je zuvor und an denen ich so manchen Wutanfall ohne mit der Wimper zu zucken gegen Schuckeln auf dem Peziball inkl. Fönbeschallung eintauschen würde. Also nochmal, was soll das heißen: jetzt sind sie aus dem Gröbsten raus?

Vielleicht geht es ja dabei auch um uns, uns Eltern. Jetzt, nach drei Jahren, haben wir Freiheiten zurück erobert, von denen wir zu Babyzeiten nur träumen durften. Während damals eine halbe Stunde alleine um den Block schon der absolute Wahnsinn war, sind Abende alleine außer Haus schon längst wieder zur Gewohnheit geworden. Inzwischen verabschiede ich mich mindestens jährlich ohne Grübelei und schlechtes Gewissen für ein paar Tage in den Wellness-Urlaub mit der liebsten Freundin und schaffe es dabei sogar, wirklich völlig abzuschalten und zu entspannen. Ich bin sogar soweit, mit dem Mann eine ganze Woche New York zu buchen und die Kinder vertrauensvoll und ohne jegliches Bedenken bei der Oma zu lassen. Zeit für mich und für uns, Freiheitszeit, die ist also absolut zurück, welch ein Glück.

Und gleichzeitig stellt uns dieser Umstand der zurück gewonnen Me-Time wieder vor eine Tatsache, die bis dato längst in den Untiefen des Elternseins verschwunden war: Der verstärkte, zunehmende Fokus zurück auf sich selbst. Kann gut sein, dass es Menschen gibt, die sich in diesem Zustand erstmal eine ganze Weile lang wohl fühlen, weil sie eben so lange darauf verzichten mussten. Kann aber auch sein, dass diese Situation bei Menschen dazu führt, sich über sich selbst wieder mehr Gedanken zu machen und sich zu fragen, wo man eigentlich so hin will im Leben und mit sich selbst? Zu dieser Sorte Mensch gehöre ich. Seit ein paar Monaten hinterfrage ich mich immer wieder, wo er denn so hinführt, mein Weg, und was ich noch alles so machen und erreichen möchte. Fragen, die ich mir lange nicht gestellt habe, weil zwischen Stilleinlage, Windelmülleimer, Kitaplatzsuche und Kinderfahrradkauf einfach keine Zeit dafür war.

Während ich mich also in meinem Familienalltag mit Dingen wie der GfK oder bedürfnisorientierter Erziehung auseinandersetze, stellt sich für mich auch beruflich die Frage, wo ich langfristig so hin willl und was ich noch erleben möchte im Rahmen einer potentiellen „Karriere“. An allen Ecken und Enden nach einer Verbesserung zu streben setzt auch wieder unter Druck, dem man als Eltern ja sowieso schon ständig ausgeliefert ist. Frei nach dem Motto: Das sind aber schon glutenfreie Dinkelkekse aus dem Biomarkt, oder? Wie, Du hast für das Kindergartenbuffet gar nichts selbst gebacken? Also bei meinem Kind war Einschlafen nie ein Problem, das schläft seit Anbeginn im eigenen Bett! Bitte nicht falsch verstehen, ich meine das völlig wertfrei, ich will damit nur sagen: der Maßstab liegt hoch!

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Eine Aussage, die den Druck – zumindest bei mir und auf der beruflichen Ebene – wieder weniger werden lässt, kommt von Teresa Bücker, die sinngemäß sagt: Anstatt sich dauernd Gedanken darüber zu machen, welche Karriere man denn noch so machen möchte, sollte man sich doch lieber mal die Frage stellen: welcher Mensch möchte ich sein? Und sich gleichzeitig auch überlegen, ob diese Einstellung denn nicht auch genau die sein sollte, die wir unseren Kindern vorleben möchten? Ihnen nämlich ein Vorbild darin sein, dass es nicht immer nur der Erfolg im Beruf und eine steile Karriere sein muss, über die wir uns definieren, sondern dass es durchaus auch Hobbys, Ehrenämter oder Dinge in unserer Freizeit sein können, die unser Selbstwertgefühl stark machen. Und dass es vielleicht reicht, 30 Stunden zu arbeiten, und den Rest seines Lebens lieber mit Dingen zu füllen, die einen auch über den Job hinaus glücklich machen können.

Aus dem Gröbsten raus beschreibt für mich somit also eher einen Zustand, der mich betrifft – eine Phase, in der ich merke, wieder mehr zu mir zurück zu kehren. Ob das nun gut oder schlecht ist, sei mal dahin gestellt; denn wenn sich die Welt wieder mehr um einen selbst dreht, kann das ja durchaus auch ganz schön fordernd sein. Früher war klar, ich will ein Baby, danach war klar, ich will ein Geschwisterkind für das Baby, und jetzt werden die Karten eben einfach nochmal neu gemischt. Und die Kinder? Die sind vielleicht aus den Hochstühlen raus, aus den Windeln oder den Stramplern. Irgendwann auch aus dem Haus, und dann werden wir alle bitterlich weinen. Aber aus dem Gröbsten raus? Das sind sie vermutlich nie. Zum Glück, denn damit brauchen sie uns ja auch unser ganzes Leben lang.

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