Meine Mama – alles Liebe zum Muttertag

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In den letzten Wochen gab es immer wieder Momente, in denen ich den Kindern gegenüber zu laut, zu hektisch, zu gestresst, zu ungeduldig oder zu kurz angebunden war, nicht richtig zugehört oder ständig „gleich“ oder „sofort“ gesagt habe. Momente, in denen ich von außen einen Blick auf mich selbst werfe und weiß: das war jetzt absolut null emphatisch. Situationen, in denen ich es einfach nicht geschafft habe, mich in die Kinder hinein zu versetzen, und auf ihre Gefühle weniger Rücksicht genommen habe, als ich es unbedingt gewollt hätte. Ich versuche dann, den Tag abends im Rahmen von „Feiern und Bedauern“ nochmal Revue passieren zu lassen und mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. Dennoch gehe ich dann ins Bett und denke mir: Heute hätte ich eine bessere Mama sein können.

Rescue-Tropfen und die Aale der Sargasso-See

An Tagen wie heute, dem Muttertag, denke ich dann zurück an meine Kindheit und frage mich, was mir von meiner eigenen Mama von damals im Gedächtnis geblieben ist. Welche Bilder habe ich im Kopf, wenn ich an meine Mama denke? Ich erinnere mich daran, wie sie mir die Hand aufgelegt hat, wenn es mir nicht gut ging. Reiki und Ayurveda, das war eine Zeit lang voll ihr Ding. Bachblüten ebenso, die sind es bis heute auch geblieben. Die berühmt-berüchtigten Rescue-Tropfen, für alle Lebenslagen. Egal ob Schulaufgabe, Führerscheinprüfungen (ja, Mehrzahl) oder Jobinterviews. A apropos Führerschein: Von der ersten Prüfung hatte ich zuhause gar nichts erzählt, sondern meine Mama erst angerufen, als ich bei der Praktischen prompt durchgefallen war (wegen einem völligen Schmarrn). Tränenüberströmt und schluchzend hatte sie mich dann am Telefon, und wenig später tröstend in ihren Armen. Nie vergessen werde ich (und sie wohl auch nicht) die Aale, die sich in die Sargasso-See (100 km südlich von den Bermudas) aufmachen – ich vermute, Biologie-Unterricht 9. Klasse. Die Aale sind dorthin eineinhalb Jahre unterwegs, um sich zu paaren, danach zu laichen und daraufhin zu sterben. Die kleinen Fischlein machen sich danach wieder auf den Weg in ihre europäische Heimat. Die Bilder dazu sind so klar, als wäre es gestern gewesen, dass sie das Bio-Buch in den Händen hielt und mich abfragte.

Korrekturen mit Rotstift – und rote Haare

Ich erinnere mich an so viele rote Zahlen und Striche, die sie oft spätabends noch auf die Arbeitsblätter ihrer Schüler*innen malte, während ich ihr beim Korrigieren interessiert über die Schulter spähte. Oder auch direkt neben ihr saß und die ersten Gedichte an der Schreibmaschine schrieb: 1996, da war ich 12. Ich denke an das schwere Massivholz-Sofa mit den bunten Blümchen auf schwarzem Samtstoff vor unserem Kachelofen, auf dem sie oft stundenlang lag und Taschenbücher verschlung. Bücherliebe, das habe ich bestimmt von ihr. „Ballis“ (Hefenknödel) mit Gulasch, das Geheimrezept meiner Oma, konnte sie irgendwann mindestens genauso gut kochen. Überhaupt, Essen: Spaghetti mit einer einfachen Tomatensoße aus Tomatenmark, Gitterkuchen mit Marmelade, Käsespätzle aus dem Ofen, Erdbeertorte zu jedem Geburtstag oder gefühlt 25 verschiedene Sorten Plätzchen zum Fest der Liebe – zumindest letzteres werde ich meinen Kindern wohl nicht als Kindheitserinnerung weiter geben. Dafür schneide ich den beiden meistens selbst die Haare – etwas, das ich früher als Teenager schon bei meiner Mama machen durfte. Alle paar Wochen zum Frisör? Nicht in ihrer Welt, und in meiner bis heute auch nicht. Den Haaren eine neue Haarfarbe verpassen, das kommt dafür umso öfter vor, sowohl bei ihr als auch bei mir. Mit 16, als ich damit angefangen habe, noch aus Jux und Tollerei; heute, also rund 20 Jahre später, um die grauen Haare zu übertünchen. Genau wie Mama, damals und bis heute.

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Bairisch in Fleisch und Blut

Oder als ich zu Studiumszeiten in Österreich nur noch 1,26 Euro auf dem Konto hatte, trotz nächtelanger Schichten an der Bar. Da ist sie schnurstracks ins Auto gestiegen, nach Kufstein gefahren und hat mich zum Essen an den See eingeladen. Wir saßen auf der Dachterrasse im Restaurant, und haben uns nach einer riesigen Portion Hühnchen-Salat inklusive Nachtisch ihre damaligen Zigaretten geteilt. Eine Angewohnheit, die ich vor Jahren wieder aufgegeben habe. Den Rest ihrer Schachtel hatte sie mir damals jedenfalls auch überlassen, und 200 Euro, bevor sie sich wieder auf den Heimweg nach Oberbayern machte. Oberbayern, Bairisch – das ist mir leider auch nicht geblieben. Ganz anders Mama. Unzählige Gedichte oder Theaterstücke, selbst von ihr verfasst und in Teilen bei Schulfesten auch aufgeführt, mit der schönsten Mundart, die das Oberland so zu bieten hat. Wie gerne würde ich den Dialekt jetzt meinen Kindern weitergeben, aber nachdem ich das Bairisch ab der Grundschule abgelegt hatte, keine Chance. Umso mehr weitergeben möchte ich dafür das Vertrauen, das ich erfahren habe. Dem nicht nur ich, sondern auch meine Exfreunde zu Schulzeiten begegnet sind, wenn sie nach fiesen Streits oder auch Trennungen hilfesuchend bei Mama auf der Terrasse saßen. Zigaretten-teilend, versteht sich. Ich erinnere mich so gut, wie ich oft nachts um zwei vor Dorfkneipen im Nirgendwo abgeholt wurde, vermutlich unzählige Male. Ich musste nicht um 22 Uhr zuhause sein, aber es war wichtig, dass ich sicher nach Hause kam. 

Von Shakespeare bis in alle Ewigkeit

Der alte rote Ford in der Einfahrt, das Autotürgeräusch, und der große schwarze Schulkoffer beim Blick aus dem Fenster, wenn Mama am Nachmittag von der Schule kam. Wir haben uns immer so sehr gefreut, uns zu sehen. Die Leidenschaft für ihren Beruf, das Engagement im Schülercafé und die Liebe zu ihren Schüler*innen, die man ständig spürte, wenn sie von „meine Kinder“ sprach. Klar standen und stehen mein Bruder und ich bis heute über allem, das weiß ich, aber es gab eben auch alle drei Jahre ca. 22 andere Kinder, die wir immer wieder aufs Neue von der 7. bis zur 9. Klasse begleiteten, und die meiner Mama eben auch wahnsinnig wichtig waren. Als ich in der 6. Woche mit dem Töchterchen schwanger war, habe ich meiner Mama davon erzählt. Mama, ich werde jetzt auch eine Mama, habe ich gesagt. Vor ihrem Pult, als ich sie wie so viele Male in ihr kunterbuntes Klassenzimmer begleitete. Tu das, was Du liebst, und hör auf das, was Dein Herz Dir sagt. Oder auch: Wir befinden uns auf einer endlosen Reise durch die Ewigkeit und es steht immer ausreichend Zeit zur Verfügung. Sich nicht so viele Gedanken machen, was alles passieren könnte. Und Gegebenheiten annehmen, wenn sie eben schon rum ums Eck sind. Ihr Lieblingszitat von Shakespeare: Auf Dinge, die nicht mehr zu ändern sind, muss auch kein Blick zurück mehr fallen, was getan ist, ist getan und bleibt. So ist meine Mama, ein absoluter Realist. Aber auch einer, der Wunder in dieser Welt für möglich hält.

Es klingt fast wie ein Nachruf, soll es aber nicht sein, denn ihr gehts ja zum Glück gut. Ich will damit nur sagen: Wenn ich zurück denke, kommt mir all das (und noch mehr) in den Sinn. Bestimmt auch der eine oder andere Streit, und als Scheidungskind natürlich auch andere Dinge. Aber denke ich an Mama, dann denke ich an all das. Und dann weiß ich nach solchen Tagen, die ich eingangs beschrieben habe, am Ende eben auch: Auf diesen einen blöden Tag, oder all die Momente, in denen ich das Gefühl habe, als Mama total zu versagen, kommt es nicht an. Es ist das große Ganze, was zählt. Vertrauen, Liebe, Sicherheit, eine Kommunikation auf Augenhöhe, an der ich stetig arbeite und über mich hinaus wachse. „Du weißt ja, egal was ist, ich bin immer für euch da. Komme, was wolle.“ Ein Ohrwurm, der sich durch meine Kindheit zieht, den ich nach wie vor höre, und an den ich bedingungslos glaube. Mama, ich hab Dich lieb. Alles Liebe zum Muttertag.

2 Kommentare bei „Meine Mama – alles Liebe zum Muttertag“

  1. Mei liabs Schpotzal,
    so schee host des gschriebm, danke, danke, danke!
    Dei Mama

    1. <3 <3 <3

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